Zum Einstieg: Der Greif steht für Fotografie, Fondament für gesellschaftlichen Dialog. Was genau treibt euch bei eurer jeweiligen Arbeit an?
Caroline von Courten: Unser Herz bei Der Greif schlägt für oft (noch) unbekannte fotografische Talente, egal welchen Ursprungs oder Alters, professionell oder einfach leidenschaftlich. Für sie sind wir Sprungbrett und Auffangkissen zugleich. Jede*r kann seine Arbeiten bei uns einreichen (all unsere Inhalte sind crowd-sourced), wir verknüpfen dann die Arbeiten und die Fotograf*innen mit renommierten Künstler*innen, Kurator*innen, Bildredakteur*innen, Autor*innen, Galerist*innen weltweit. Von Anbeginn, nunmehr 18 Jahren, geht es uns darum, Kunst und Kultur zugänglicher zu machen – und das durch den spielerischen Dialog mit zeitgenössischer Fotografie. Online wie offline.
Inzwischen sind wir weltweit die erste Anlaufstelle, wenn man sich in der zeitgenössischen Fotografie orientieren möchte. Umgekehrt stöbern Kulturschaffende durch unsere Webseite und unser Online-Archiv auf der Suche nach originellen, unentdeckten fotografischen Positionen. Unsere physischen Ausstellungen vor Ort sind zum Anfassen: Das Publikum macht die Ausstellung zum Beispiel selbst, indem es Bildkarten an die Wand hängt, oder man blättert durch unser jährliches Magazin. Im Namen steckt die Rezeptur: Indem wir Bilder greifbar machen, begreifen wir komplexe Bildkulturen und -geschichten der Gegenwart einfach besser.
Josefine Cox: Fondament treibt im Kern eine eigentlich sehr einfache, aber große Frage an: Wie wollen wir miteinander leben, ohne einander aus dem Blick zu verlieren?
Uns beschäftigen Themen wie Zusammenhalt, Armut, Teilhabe und Chancengerechtigkeit – aber vor allem die Menschen hinter diesen Begriffen. Denn oft sprechen wir über soziale Ungleichheit sehr abstrakt, obwohl es eigentlich um konkrete Lebensrealitäten geht: darum, ob man sich gesehen fühlt, ob man dazugehört und welche Möglichkeiten einem offenstehen.
Wir glauben, dass sich eine Gesellschaft nicht durch Gesetze verändert, sondern besonders auch durch die Geschichten, die sie über sich selbst erzählt. Kultur kann dafür Räume schaffen – Räume, in denen wir Menschen nicht sofort bewerten, sondern ihnen mit mehr Neugier, Offenheit und Aufmerksamkeit begegnen.
Und genau dort entsteht für uns die Verbindung zur Fotografie. Bilder können uns dazu bringen, innezuhalten, genauer hinzusehen und vielleicht etwas zu erkennen, das wir vorher übersehen haben. Uns treibt die Hoffnung an, dass daraus mehr Verständnis füreinander entsteht – und auch mehr Nähe.
»Wir glauben, dass sich eine Gesellschaft nicht allein durch Gesetze verändert, sondern besonders auch durch die Geschichten, die sie über sich selbst erzählt.«
Fondament kommt aus dem sozialen Diskurs, Der Greif aus der zeitgenössischen Bildsprache. Wie genau bereichern sich diese beiden Welten in eurem gemeinsamen Projekt?
Josefine Cox: Gesellschaftlicher Diskurs neigt manchmal dazu, Menschen in Kategorien zu beschreiben: arm oder privilegiert, sichtbar oder unsichtbar, Teil der Mehrheit oder am Rand. Aber kein Mensch passt vollständig in eine Kategorie.
Die Fotografie kann uns daran erinnern. Sie zeigt nicht nur Verhältnisse, sondern Menschen mit Widersprüchen, Würde und Eigenheit.
Gleichzeitig gewinnt auch die Kunst etwas durch die soziale Perspektive: Bilder bleiben dann nicht nur ästhetisch interessant, sondern werden zu einer Form des Zuhörens.
Ich glaube, erst in dieser Verbindung entsteht etwas Drittes: eine Sprache, die nicht belehrt, sondern berührt. Die komplexen gesellschaftlichen Fragen menschlich erfahrbar macht.
Caroline von Courten: Aus meiner Sicht teilen Fondament und Der Greif das tiefe Interesse daran, Strukturen zu hinterfragen. Strukturen, die bestimmen, wie wir uns zum Leben und zu unserer Umwelt verhalten. Der Greif untersucht von Anfang an die Möglichkeitsräume von einzelnen Fotos: Wie stehen Bilder zueinander im digitalen wie im analogen Raum, wenn diese von verschiedenen Autor*innen und damit Kontexten stammen? Wer oder was bestimmt die Sichtbarkeit von Kreativschaffenden und Phänomenen, und warum werden andere nicht gezeigt? Wie funktioniert die Dominanz von wiederholten Bildlogiken? Solche diskursiven Fragen schwingen in unseren Aktivitäten immer mit, wenn wir Formate entwickeln, die das Publikum anregen, sich ernsthaft und spielerisch zugleich mit Fotografie auseinanderzusetzen.
Die Zusammenarbeit mit Fondament bereichert uns inhaltlich enorm. Durch die Partnerschaft setzen wir uns viel intensiver mit sozialkritischen Themen hier in Deutschland auseinander. Und Fondament inspiriert uns durch ihre visionäre und kraftvolle Art, soziale Ungleichheit in unserer Gesellschaft aus verschiedensten Perspektiven zu beleuchten und gemeinsam ins Handeln zu kommen.
»Unsere Wahrnehmung ist größtenteils durch unsere gesellschaftliche Position gefärbt – und genau deshalb brauchen wir die Geschichten hinter und zwischen den Bildern.«
Wir alle kennen das Kinderspiel »Ich seh’ etwas, was du nicht siehst«. Warum ist genau dieser Satz der perfekte Titel für euren Open Call?
Caroline von Courten: Dieser Satz und dieses Spiel sorgen sofort dafür, dass wir aufmerksamer unsere Umgebung wahrnehmen, wachsam sind für die kleinsten versteckten Details. Zudem braucht es mindestens zwei Personen: Der Dialog ist also der eigentliche Schlüssel, um das Rätsel zu enthüllen. Diese spielerische Unmittelbarkeit macht den Titel einfach perfekt für unser Anliegen. Er beinhaltet das ehrliche Eingeständnis: Ich sehe natürlich immer etwas, das du nicht siehst. Denn unsere Wahrnehmung ist größtenteils durch unsere individuelle gesellschaftliche Position gefärbt – und genau deshalb brauchen wir die Geschichten hinter und zwischen den Bildern.
Josefine Cox: Genau dieser Satz enthält etwas sehr Einfaches und zugleich sehr Wahres: Niemand sieht die Welt vollständig.
Schon als Kinder lernen wir in diesem Spiel, dass jemand anderes etwas entdecken kann, das wir übersehen haben. Genau das passiert auch gesellschaftlich ständig. Wir schauen auf dieselbe Situation – und verstehen etwas völlig Unterschiedliches darin.
Uns gefällt auch die Wärme und Offenheit dieses Satzes. Er lädt ein, statt zu belehren. Er sagt nicht: »Ich habe recht.« Sondern: »Schau noch einmal hin.«
Im Open Call schreibt ihr: »Ein Bild, viele Perspektiven.« Was genau sucht ihr im Moment des »zweiten Blicks« – eine visuelle Entdeckung oder eine neue Deutung?
Josefine Cox: Uns interessiert dieser Moment des Kippens sehr. Dieser kleine Augenblick, in dem man merkt: »Vielleicht war mein erster Blick gar nicht die ganze Wahrheit.«
Wir urteilen oft sehr schnell – manchmal auch Erwachsene genauso schnell wie Kinder. Ein Blick genügt und wir glauben zu wissen: Ist jemand erfolgreich oder arm? Gehört jemand dazu oder nicht? Ist jemand stark oder schwach?
Und dann verändert ein zweiter Blick plötzlich alles.
Vielleicht sehen wir zuerst nur eine erschöpfte Frau auf einem Sofa. Und erst später erfahren wir, dass sie gerade aus einer körperlich harten Schicht in einer Krankenhauswäscherei kommt. Plötzlich verändert sich nicht nur das Bild, sondern auch unser Blick auf diesen Menschen.
Genau diese Verschiebung interessiert uns.
Caroline von Courten: Ganz genau, uns geht es uns um eine »Blickverschiebung«, also diesen Übergangsmoment, in dem man sich bewusst wird, welche Faktoren (mit)bestimmen, wie wir etwas auf einem Foto im ersten schnellen Moment wahrnehmen. Und dann, was sich alles eröffnet, sobald wir dem Foto genauer zuhören. Entweder dadurch, dass man mehr Kontext erhält oder indem ich mir über das Wie bewusst werde: Wie wird mir das Bild gezeigt? Wie schaue ich es an? Welche Erwartungen habe ich (bereits) an das Bild?
»So lernen wir nicht nur die Welt auf dem Foto ein Stückchen besser kennen, sondern auch einander.«
Bilder können Gespräche anstoßen, aber wie sieht das aus? Wie wird aus einem Foto ein Dialog?
Josefine Cox: Ein Bild wird zum Dialog, wenn es Raum für eigene Gedanken lässt. Ein wirklich gutes Bild belehrt uns nicht von oben herab – es reicht uns die Hand und lädt uns ein, unsere eigenen Schubladen zu hinterfragen.
Es zeigt nicht einfach eine Wahrheit, sondern fordert uns auf, genauer hinzusehen. Oft beginnt genau dort das Gespräch: wenn verschiedene Menschen im selben Bild etwas Unterschiedliches erkennen.
Und dann passiert etwas sehr Schönes: Menschen sprechen plötzlich nicht mehr nur über Themen, sondern über sich selbst, ihre Erfahrungen, Erinnerungen und ihre Sicht auf die Welt. Bilder schaffen manchmal einen Zugang zueinander, den Debatten allein nicht schaffen.
»Ein wirklich gutes Bild belehrt uns nicht von oben herab – es reicht uns die Hand und lädt uns ein, unsere eigenen Schubladen zu hinterfragen.«
Caroline von Courten: Nimmt man nun ein Foto als Auftakt eines Gesprächs zwischen mehreren Menschen, wird sofort deutlich, dass wir genauso viele Betrachtungsweisen wie Menschen im Raum haben. Eine sehr inspirierende Methode finde ich hierzu die von Visual Thinking Strategies, die drei Fragen an alle im Raum stellt: Was passiert in diesem Bild? Was siehst du, das dich das annehmen lässt? Und was kannst du noch mehr entdecken?
Auf der einen Seite ist ein Foto unglaublich konkret, denn ich sehe doch, was ich sehe!? Auf der anderen Seite sehe ich so unglaublich viel nicht. Es ist ja nur ein klitzekleiner Ausschnitt aus dem zeitlichen und räumlichen Ganzen und so unbeweglich, dass wir auch nicht verschiedene Blickwinkel bekommen beziehungsweise wechseln können. Was machen wir also logischerweise? Wir füllen die Informationslücken mit eigenen Interpretationen, Assoziationen und Emotionen. Daher geht ein ehrliches Gespräch über ein Foto auch so in die Tiefe: So lernen wir nicht nur die Welt auf dem Foto ein Stückchen besser kennen, sondern auch einander.
Perspektivwechsel klingt oft nach einer großen theoretischen Übung. Habt ihr ein konkretes Beispiel für ein Bild, dessen Bedeutung sich plötzlich komplett dreht?
Caroline von Courten: Ganz konkret: die Bildunterschrift! Ein Bild wird ganz anders, sobald der Zusammenhang sich erschließt oder wechselt. Gerade Bild und Text haben da eine ganz spezielle Beziehung zueinander. Sie ändern alles! Daher bitten wir auch beim Einreichen eurer Bilder spezifisch zu erklären: Was siehst du, was wir nicht sehen?
Ein Beispiel: In einem unserer ersten Gespräche tauschten Josefine und ich uns fasziniert über ein Bild aus, das in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins mit dem Thema Tomorrow is Today gezeigt wird: ein Bildausschnitt, in dem man zwei Hände einer älteren Dame mit knallrotem Nagellack sieht, wie sie den nackten Oberkörper eines Babys hochhält. Ein Babyrücken, zwei Hände, keine weiteren Details. Josefine und ich sprachen über den generationsübergreifenden Zusammenhalt auf dem Weg ins Morgen. Wir sahen etwas Positives, Hoffnungsvolles darin. Ein paar Monate später interviewte ich den Fotografen des Bildes Mauro Macchioni für unser Feature Spread the Dialogue, in dem es spezifisch um die Geschichten hinter Fotos geht. Schmunzelnd erzählte er mir, dass die Situation damals eigentlich auch etwas Unheimliches hatte. Die Frau war alles andere als zart, sondern eher laut – wie ihre Nagellackfarbe.
Mauros Foto ist noch immer das gleiche wie zuvor, nur mein Blick darauf hat sich seitdem verdreifacht: Erst meine eigene Wahrnehmung, dann Josefines Gedanken dazu und Mauros Blick hinter den Kulissen. Der Schlüssel ist also immer ein Gespräch!
Josefine Cox: Für mich steckt genau darin der Kern des Projekts. Nehmen wir noch einmal das Bild einer erschöpften Mutter, die nach der Arbeit auf dem Sofa sitzt. Von außen könnte man dieses Bild ganz unterschiedlich lesen. Manche würden vielleicht denken: müde, passiv, abwesend.
Erst durch die Perspektive ihrer Tochter verändert sich die Bedeutung. Die Tochter weiß: Diese Frau hat den ganzen Tag schwere Krankenhauswäsche gewaschen. Sie kann kaum noch die Arme heben.
Plötzlich sieht man nicht mehr nur Müdigkeit, sondern Fürsorge, Arbeit, Belastung, Würde. Dasselbe Bild – aber eine völlig andere Wahrnehmung. Genau solche Verschiebungen suchen wir.
Ihr sucht nach Einblicken in das Leben der Menschen in Deutschland. Wie stellt ihr sicher, dass dabei komplexe, echte Geschichten sichtbar werden und nicht nur bekannte Klischees?
Josefine Cox: Indem wir versuchen, Menschen nicht vorschnell einzuordnen oder auf eine einzige Geschichte zu reduzierten. Sobald jemand nur noch »die Alleinerziehende«, »der Migrant«, »der Arbeitslose« oder »die privilegierte Person« ist, verlieren wir etwas Wesentliches. Menschen sind immer mehr als das, was wir auf den ersten Blick in ihnen sehen und vielschichtiger als die Kategorien, in die wir sie oft einordnen.
Und genau darin liegt auch die Herausforderung – für uns alle. Unser Blick ist nie ganz neutral. Uns interessieren genau diese Zwischentöne: Stärke und Erschöpfung gleichzeitig. Verletzlichkeit und Würde. (alternativ: Man kann stark und gleichzeitig unendlich müde sein. Man kann dazugehören und sich trotzdem fremd fühlen.) Nähe trotz Unterschiedlichkeit. Hoffnung selbst dort, wo das Leben schwer ist.
Wir wünschen uns Bilder, die nicht vorschnell urteilen oder Menschen auf Defizite reduzieren, sondern ihnen Raum geben. Raum für Komplexität, für eigene Geschichten und für das, was man vielleicht erst beim zweiten oder dritten Hinsehen erkennt.
Denn oft entsteht echte Nähe genau in dem Moment, in dem wir aufhören, jemanden sofort erklären zu wollen.
Caroline von Courten: Um das sicherzustellen, müssen wir uns auch unserer eigenen Erwartungen bewusst sein: Unser Blick ist nie neutral. Wenn Du Dir mal überlegst, suchen wir bei jeder Betrachtung nach erkennbaren Anhaltspunkten, um ein Foto zu verstehen. Also haben wir vorab schon gewisse Erwartungen ans Bild. Ich seh' etwas, was du nicht siehst gibt uns die Chance, das Bild nochmals genauer mit den Augen abzutasten. Länger zu verharren und sich dabei selbst zu fragen: Was sehe ich hier, was vielleicht gar nicht so ist? Je länger wir hingucken, desto mehr fällt uns auf und desto mehr verlässt uns dieser einordnende, vielleicht sogar stigmatisierende Blick. Wir als Fondament und Der Greif müssen also Orte, Räume, Gespräche, Momente mitdenken, die ein solches Verharren mit Bildern ermöglichen.
Was können Bilder in uns auslösen, was Zahlen und Statistiken nicht schaffen?
Caroline von Courten: Emotionen! Lange unterschätzt, auch in der Bildwissenschaft, ist der Anteil dessen, was Fotos bei uns emotional auslösen, und zwar viel größer als der faktische Inhalt (was genau auf dem Foto zu sehen ist). Weil ein stillstehendes Foto nur ein ganz minimaler, aber präziser Ausschnitt aus einer Realität ist, füllen wir diese Informationsarmut mit unseren eigenen gefühlten Assoziationen. Wie Du schon sagst: Bilder lösen unmittelbar etwas in uns aus. Genau wegen dieser Kraft haben wir dieses Medium für unser Projekt gewählt. Zudem haben wir seit der Erfindung der Handykameras auch fast immer diese zur Hand und teilen doch oft gedankenlos, aber trotzdem im Sinne von: Schau mal, was ich gerade sehe, was du nicht siehst! Durch's Teilen lassen wir einander teilhaben.
»Die einfache Interpretation gibt uns vielleicht eine kurze Zufriedenheit, aber im Fragenstellen steckt das Wunder.«
Josefine Cox: Statistiken über Armut oder Ungleichheit sind wichtig, um Strukturen zu verstehen. Aber sie schaffen oft Distanz. Bilder hingegen lassen uns mitfühlen. Sie zeigen uns, was es im ganz normalen Alltag bedeutet, mit sehr wenig Geld auskommen zu müssen, unfassbar viel Verantwortung zu tragen oder unter enormem Druck die eigene Würde zu bewahren. Wo Begriffe abstrakt bleiben, schafft ein Foto plötzlich Nähe.
Und ich glaube, genau dort entsteht oft Empathie. Nicht durch moralischen Druck, sondern durch Nähe. Durch das Gefühl: Dieser Mensch könnte auch ich sein. Oder jemand, den ich liebe.
Der Greif arbeitet oft mit Bildern, die sich einer einfachen Interpretation entziehen, fragmenthaft und mehrdeutig sind. Warum ist genau diese künstlerische Sensibilität so wichtig für das Anliegen von Fondament?
Josefine Cox: Mehrdeutigkeit ist aus unserer Sicht kein Mangel, sondern oft die ehrlichste Form der Wirklichkeit. Gesellschaftliches Leben ist selten eindeutig – Menschen sind widersprüchlich, Situationen vielschichtig und Erfahrungen oft nicht in eine einzige Erklärung zu fassen.
Deshalb ist uns dieser gemeinsame Blick auf Bilder so wichtig. Gemeinsam mit Der Greif möchten wir Arbeiten auswählen, die nicht vorschnell festlegen, was wir denken sollen, sondern Raum lassen: für Fragen, für unterschiedliche Deutungen und für das, was vielleicht erst beim längeren Hinsehen sichtbar wird.
Und genau das ist für gesellschaftliche Themen wichtig. Denn sobald wir glauben, Menschen oder Lebensrealitäten vollständig verstanden zu haben, hören wir oft auf zuzuhören. Mehrdeutigkeit kann deshalb etwas sehr Menschliches sein.
»Sobald wir glauben, Menschen oder Lebensrealitäten vollständig verstanden zu haben, hören wir oft auf zuzuhören.«
Caroline von Courten: Letztendlich liegt in dieser Sensibilität der Aufruf, genauer hinzusehen und besser zuzuhören, vor allem, wenn es um unbekanntere Welten und Stimmen geht. Daher setzt sich Der Greif dafür ein, unbekannten Fotograf*innen aus der ganzen Welt eine Bühne zu bieten – in Ausstellungsformaten und in unserem Magazin.
Die einfache Interpretation gibt uns vielleicht eine kurze Zufriedenheit, aber im Fragenstellen steckt das Wunder. Und auch die Notwendigkeit, wenn es um komplexe soziale Zusammenhänge geht. Fragen zu stellen und zuzuhören sind für mich das A und O. Und genau im Dazwischen gibt es so viel miteinander zu entdecken.
»Schwarz-Weiß gibt es nicht. Nicht einmal die Schwarz-Weiß-Fotografie ist das, denn eigentlich könnte sie besser Graustufenfotografie heißen.«
Warum jetzt? Was macht dieses Projekt in der aktuellen gesellschaftlichen Lage in Deutschland so wichtig?
Josefine Cox: Weil wir in einer Zeit leben, in der fast nur noch über andere gesprochen wird, aber viel zu selten mit ihnen. Viele Debatten sind laut, schnell und stark wertend. Es gibt heutzutage viel Empörung, aber manchmal wenig echtes Zuhören.
Gleichzeitig erleben viele Menschen im Alltag etwas ganz anderes: Nachbarschaft, Fürsorge, Zusammenhalt, gegenseitige Unterstützung. Diese leisen Formen des Miteinanders verschwinden oft hinter den lauten Bildern unserer Zeit.
Wir wollten einen Raum schaffen, der genau dort hinschaut.
»Es gibt heutzutage viel Empörung, aber manchmal wenig echtes Zuhören.«
Caroline von Courten: Das geht mir ähnlich. Die innenpolitischen Spannungen wie auch die geopolitischen lassen uns manchmal mit einem tiefen Seufzer zurück. Als Einzelstimme fühlt man sich oft kraftlos gegenüber Systemen, die eher Profiten hinterherjagen als den Menschen im Fokus haben. Gleichzeitig gibt es aber so viele tolle Initiativen und Personen, die in dieser von Unsicherheit geprägten Zeit bereits Gegenentwürfe bedenken, ausleben und mit uns teilen. Es ist also total wichtig, dass wir sehen, was du siehst! Dass jede Einzelstimme lebensnotwendig für uns als Gemeinschaft ist! Schwarz-Weiß gibt es nicht. Nicht einmal in der Schwarz-Weiß-Fotografie; eigentlich könnte sie besser Graustufen-Fotografie heißen.
Der Fokus des Open Calls liegt auf Deutschland. Was hofft ihr durch die Augen der Teilnehmenden über dieses Land zu erfahren?
Josefine Cox: Mich interessieren besonders Bilder, die sich nicht sofort vollständig erschließen lassen. Bilder aus alltäglichen Lebensrealitäten, die den eigenen Blickwinkel verändern. Vielleicht entstehen genau daraus Gespräche und neue Perspektiven aufeinander.
Vielleicht entdecken wir dadurch auch ein anderes Bild von Deutschland: eines, das weniger von Angst und Zuschreibungen geprägt ist und mehr von Aufmerksamkeit, Menschlichkeit, Zuversicht und dem Mut, einander wieder offener zu begegnen und gemeinsam nach vorne zu gehen.
Caroline von Courten: Ich denke dabei gar nicht an etwas Konkretes, sondern freue mich vor allem auf all die Perspektiven. Auf dieses Entdecken und das Streunen durch die Bildergeschichten, von dem ich vorhin sprach. Es gibt so viel voneinander zu lernen!
Ihr schlagt eine Brücke zwischen Kunst und Gesellschaft. Welchen Stein wollt ihr mit diesem Projekt für die Zukunft eurer Organisationen ins Rollen bringen?
Caroline von Courten: Am liebsten will ich, dass dieses Projekt weite Kreise zieht, sobald wir den ersten Anstoß geben, und so über die Jahre hinweg zu einer echten Bilder-Bewegung wird.
Für Der Greif ist ein Projekt mit inhaltlichen Augenmerk auf Deutschland besonders, da normalerweise die Einsendungen aus über 160 Ländern kommen, und wir uns in diesem Sinne eher mit globalen bzw. mediumreflektiven Themen auseinandersetzen. Durch unsere Zusammenarbeit mit Fondament wurzelt Ich seh' etwas viel tiefer im sozialen Diskurs, als es in anderen Projekten von Der Greif der Fall ist. Das in Kombination mit dem großartigen Potenzial der Fotografie, Festgefahrenes neu zu betrachten und uns in andere Richtungen weiter denken zu lassen, ist einfach das perfekte Match.
Josefine Cox: Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft und auch in der Politik wieder ein bisschen genauer hinschauen und auch zuhören lernen. Dass wir anerkennen, wie vielschichtig Menschen sind, und nicht glauben, sie auf den ersten Blick verstehen oder beurteilen zu können.
Wenn dieses Projekt dazu beiträgt, mehr Empathie, mehr Neugier und vielleicht auch etwas mehr gesellschaftliche Feinfühligkeit entstehen zu lassen, wäre das unglaublich viel.
Für Fondament bedeutet das, Formen des Dialogs zu fördern, die mehr Perspektiven sichtbar machen, Menschen miteinander ins Gespräch bringen und gemeinsam neue Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit ermöglichen.
Es braucht Mut, die eigene Sichtweise mit der Welt zu teilen. Was wünscht ihr euch für die Teilnehmer*innen?
Josefine Cox: Ich wünsche mir vor allem Mut. Den Mut zu sagen: So sehe ich die Welt.
Und gleichzeitig wünsche ich mir Offenheit dafür, dass andere etwas anderes sehen. Dass aus vielen einzelnen Perspektiven kein Gegeneinander entsteht, sondern ein gemeinsames Gespräch und Zuhören.
Vielleicht merken wir dann: Wir sind unterschiedlicher, als wir dachten – und gleichzeitig verbundener.
Vom Handy-Schnappschuss bis zur Profi-Serie ist alles willkommen. Was sagt ihr jemandem, der zögert, weil die eigenen Bilder vermeintlich „nicht professionell genug“ sind?
Caroline von Courten: Es geht uns bei Der Greif sowieso nie um das vermeintlich professionelle Foto – was ist das überhaupt? Ein gestochen scharfes? Das kann jede bessere Handykamera inzwischen. Ein besonders schönes? Schönheitsempfinden ist sehr persönlich. Ein ernsthaftes? Pff. Lass Dir sagen: Du bist absolut gut genug! Auch grundsätzlich können wir das doch nie genug sagen, immer diese Selbstkritik … Wenn das Thema dich inspiriert: gut so, das wollen wir!
Ihr verzichtet bewusst auf klassische Platzierungen und vergebt stattdessen drei gleichwertige Preisgelder. Warum?
Josefine Cox: Weil es bei diesem Projekt nicht darum geht, welche Perspektive »besser« ist.
Wir wollen bewusst kein Gewinner-Verlierer-Denken erzeugen. Unterschiedliche Lebensrealitäten lassen sich nicht auf ein Treppchen stellen.
Die gleichwertigen Preise sind deshalb auch ein Zeichen: Jede Perspektive kann etwas sichtbar machen, das für andere wichtig ist.
Lasst uns zum Schluss noch ganz praktisch werden: Wer kann wie teilnehmen, und was genau soll eingereicht werden?
Josefine Cox: Teilnehmen können Menschen aller Altersgruppen und Hintergründe – ganz unabhängig davon, ob sie professionell fotografieren oder einfach aufmerksam durchs Leben gehen.
Eingereicht werden können Einzelbilder oder Serien mit bis zu zehn Fotografien. Dazu können Titel und kurze Beschreibung ergänzt werden – etwa mit der Frage: Welche zweite oder dritte Perspektive steckt im Bild? Besonders wichtig ist uns die Frage: Was siehst du, was andere vielleicht übersehen?
Alle Informationen, Fristen und Teilnahmebedingungen finden sich auf unserer Website hier: fondament.de
Und ehrlich gesagt freuen wir uns vor allem auf Bilder, die uns für einen Moment anders aufeinander schauen lassen.
Der Open Call auf einen Blick
Wer kann mitmachen? Alle – unabhängig von Alter oder Erfahrung
Was wird gesucht? Einzelfotos oder kleine Bildserien (bis zu 10 Motive), die den Alltag und den »zweiten Blick« einfangen
Teilnahme: Kostenlos und digital über Picter
Preise: 3 x ein gleichwertiges Preisgeld von jeweils 1.000 Euro
Zeitraum: 1. Juni – 1. September 2026
Veröffentlichung: Die ausgewählten Fotos werden ab Oktober online bei Fondament und Der Greif präsentiert
Preisvergabe: Oktober/November 2026
Folge uns auf Instagram, um nichts zu verpassen: @_fondament_ und @der_greif
Presse
-
Wir stellen Pressematerialien wie Texte, Bilder, Key Visuals und Logos gerne individuell und auf Anfrage zur Verfügung.
Schreiben Sie uns einfach eine E-Mail an presse@fondament.de und sag uns, was du brauchst – wir melden uns schnellstmöglich mit den passenden Materialien bei Ihnen.
Vorstellung – Caroline von Courten
Caroline von Courten ist Essayistin im Herzen und Kuratorin von Beruf. In den fünfzehn Jahren ihres internationalen Werdegangs innerhalb des fotografischen Universums (Stedelijk Museum Amsterdam, Weltausstellung Shanghai, Foam International Photography Magazine als Höhepunkte) hat sie sich intensiv mit der Initiierung und Entwicklung von Ausstellungs- und Publikationsformaten, (Forschungs-)Kollaborationen sowie Programmen rund um das spannende, versatile Medium der Fotografie beschäftigt – eine Arbeit, die sie seit 2023 in ihrer Rolle als künstlerische Leitung von Der Greif fortsetzt. Caroline ist promovierte Fototheoretikerin und lehrt die kritische Auseinandersetzung mit Fotografie, visuellen Kulturen und das Networked Image im Bachelorstudiengang Camera Arts an der Hochschule Luzern – Design, Film und Kunst.
Vorstellung – Josefine Cox
Josefine Cox bewegt sich an der Schnittstelle von gesellschaftlichem Wandel, Kunst und Kultur. Als Mitgründerin und geschäftsführende Gesellschafterin der Berliner Initiative FONDAMENT gGmbH widmet sie sich seit 2020 den Themen Armut, soziale Ungleichheit, Klassismus und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Frage, wie kulturelle und künstlerische Formate gesellschaftliche Narrative sichtbar machen, neue Perspektiven eröffnen und Räume für Dialog, Solidarität und kollektive Zukunftsentwürfe schaffen können. Kunst versteht sie dabei sowohl als Medium sozialer Sichtbarkeit als auch als Zugang zu Teilhabe und Selbstwirksamkeit.
Zuvor gründete und leitete sie unter anderem die Musik Bewegt Stiftung, eine der ersten deutschen Online-Spendenplattformen zur Verbindung von Künstler*innen und sozialen Projekten. Bevor sie sich verstärkt gesellschaftlichen und kulturellen Projekten widmete, arbeitete sie mehrere Jahre in internationalen Marken-, Design- und Innovationsagenturen wie MetaDesign und Fjord.
Los geht’s – teile deine Perspektive