Arbeit: John Isaacs | Bild: Lea Gryze

Scha[r]m

Warum Armut nicht nur Geld kostet – sondern Würde. Und warum Scham ein politisches Gefühl ist.

Scham ist leise. Sie errötet nicht nur – sie versteckt, relativiert, schweigt. Sie sorgt dafür, dass Kinder sagen: »Ich bin gar nicht arm – arm sind andere.« Und sie sorgt dafür, dass Armut in unserer Gesellschaft oft unsichtbar bleibt, obwohl sie Millionen betrifft.

Warum ist Scham ein so zentrales Gefühl, wenn es um Armut geht? Warum lohnt es sich, genauer hinzuschauen? Und kann in Scham vielleicht sogar ein Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit liegen?

Top Topics

12.02.2026

Armut erzeugt Scham – oder Scham Armut?

Armut wird gesellschaftlich schnell als persönliches Versagen gelesen.
Wer wenig hat, gilt schnell als „nicht fleißig genug“, „nicht gut genug“, „nicht angepasst genug“.

Das Problem:
Armut entsteht meist strukturell – durch ungleiche Chancen, Bildungshürden, prekäre Jobs, Krankheit oder Schicksalsschläge. Nicht durch Faulheit.

Armut kann jede*n treffen.
Oft ist sie nur eine Erkrankung, eine Trennung oder ein Jobverlust entfernt.

Und: Armut zu entkommen ist schwieriger, als in Armut zu geraten.

Und wer arm aufwächst oder mit wenig Geld auskommen muss, spricht in der Regel ungern darüber und schämt sich. Vor allem armutsbetroffene Kinder und Jugendliche versuchen laut einer Studie des Deutschen Jugendinstituts oft, ihre Lage zu verbergen: »Viele Kinder sagen: Ich bin gar nicht arm – arm sind andere« (Tanja Betz, Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft). Armutsbiografien sind in Deutschland keine Ausnahme. 2024 galten laut Statistischem Bundesamt 15,2% der unter 18-Jährigen als armutsgefährdet – etwa jedes siebte Kind. Über 20% sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet.

Trotzdem bleibt Armut erstaunlich unsichtbar.
In Schulbüchern, Werbung, Medien und Social Media sehen wir vor allem das „normale“ Leben: Reisen, Eigenheim, Konsum, Vermögensaufbau. Die Lebensrealität armutsbetroffener Menschen taucht selten auf.

Unsichtbarkeit schützt vor Diskussion – aber sie verstärkt Scham.

»Viele Kinder sagen: Ich bin gar nicht arm – arm sind andere«

Was ist Scham überhaupt?

Scham ist das Gefühl, selbst nicht richtig zu sein. Nicht nur etwas falsch gemacht zu haben – sondern "falsch zu sein".

Sie entsteht, wenn Menschen glauben, nicht dazuzugehören. Wenn Herkunft, Sprache, Kleidung oder Lebensumstände als „nicht passend“ bewertet werden.

Scham ist deshalb kein rein privates Gefühl. Sie ist sozial. Sie entsteht im Blick der anderen – oder schon in der Angst vor diesem Blick.

Charles Darwin Scham als eine der „sozialsten“ Emotionen beschrieb? Das typische Erröten wird durch auf das Selbst gerichtete Prozesse ausgelöst – und ist spezifisch menschlich.

*Charles Darwin – Was sind Darwins Schriften?

Mit Darwins Schriften meint man die wissenschaftlichen Bücher, Aufsätze und Notizen des britischen Naturforschers Charles Darwin (1809–1882). In ihnen entwickelte und erklärte er vor allem die Evolutionstheorie – also die Idee, dass sich Arten über lange Zeiträume verändern und durch natürliche Selektion an ihre Umwelt anpassen.

Scham ist ein Scharnier zwischen Innen und Außen

Scham verbindet das, was wir fühlen, mit dem, was gesellschaftlich erwartet wird.

Sie entsteht oft, wenn wir negative Reaktionen erwarten – selbst wenn sie gar nicht ausgesprochen werden. Manchmal reicht schon die Vorstellung.

Scham ist also wie ein Frühwarnsystem: »Achtung, hier passt du vielleicht nicht ins Bild.«

Die Forschung ist sich nicht einig:

  • Manche sehen im „Fremdeln“ von Babys eine Vorform von Scham.

  • Andere sagen: Scham entsteht erst, wenn Kinder soziale Regeln verstehen und sich selbst bewusst wahrnehmen – etwa ab dem 18. Lebensmonat.

Wahrscheinlich ist Scham ein Zusammenspiel aus beidem.

Scham sitzt nicht nur im Kopf – sondern im Körper

Scham zeigt sich körperlich: Blick senken, leiser sprechen, sich zurückziehen.

Sie kann ausgelöst werden durch scheinbar kleine Dinge:

  • Dialekt oder Sprache

  • Kleidung

  • Umgangsformen

  • Wissen über „unausgesprochene Regeln“

Besonders Menschen mit sozialem Aufstieg kennen diese Momente. Zwischen Herkunftswelt und neuer Umgebung zu stehen, kann sich anfühlen wie ein permanenter Balanceakt.

Scham wird dann zum Hinweis: Hier treffen unterschiedliche soziale Regeln aufeinander.

bei Scham ähnliche Gehirnregionen aktiv sind wie bei existenzieller Angst?

Scham ist also kein „Luxusgefühl“ – sondern tief mit unserem Sicherheitsgefühl verbunden.

Scham als unsichtbarer Platzanweiser

Scham weist Menschen ihren Platz zu. Sie macht vorsichtig, angepasst, zurückhaltend.

Bildungsaufsteiger*innen verbergen oft ihre Herkunft, um nicht als „anders“ zu gelten.
Studierende aus armen Familien interpretieren Misserfolge häufiger als persönliches Versagen – obwohl Bildungssysteme strukturell ungleich sind.

So trägt Scham dazu bei, dass Ungleichheiten bestehen bleiben.
Wer sich schämt, stellt Verhältnisse seltener infrage.

Ungleichheit wird dann nicht bekämpft – sondern still ausgehalten.

Das unterschätzte Potenzial von Scham

Scham hat nicht nur eine lähmende Seite. Sie kann auch Erkenntnis bringen.

Wer Scham reflektiert, erkennt: »Dieses Gefühl kommt nicht nur von mir – es hat mit gesellschaftlichen Regeln zu tun.«

Das kann entlasten. Und es kann politisch machen.

Reflektierte Scham zeigt:

  • welche Normen ausgrenzen

  • wo Ungleichheit entsteht

  • dass Verantwortung nicht nur bei Einzelnen liegt

Sie kann Empathie fördern, Perspektiven erweitern und solidarisches Handeln anstoßen.

Scham wird dann nicht nur Belastung – sondern Kompass.

Was wir alle tun können

Scham kennt jede*r. Aber Armutsscham ist keine private Schwäche.

Wir können:

  • Armut benennen statt verschweigen

  • aufhören zu beschämen

  • zuhören statt bewerten

  • Betroffenen glauben

  • soziale Ursachen mitdenken

Scham zeigt, wo Strukturen ungerecht sind – und wo Veränderung möglich ist.

Manchmal hilft es, mit jemandem zu sprechen, der zuhört und sich auskennt.
Egal, ob du selbst betroffen bist oder dir Sorgen um einen nahestehenden Menschen machst: Unterstützung zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Die folgenden Anlaufstellen bieten Beratung, Austausch und konkrete Hilfe – vertraulich und oft kostenlos.

Telefonseelsorge
Auf der Website findest du ein breites Angebot wie du kostenlose, anonyme Beratung bei Belastungen und Sorgen erhältst.
0800 111 0 111

Nummer gegen Kummer
Kostenlose, anonyme Beratung bei Belastungen und Sorgen.
Kinder & Jugendliche: 116 111
Eltern: 0800 111 0 550

Kompetenznetzwerk Einsamkeit – Angebotskarte
Scham und finanzielle Sorgen gehen oft mit Einsamkeit einher – doch niemand muss damit allein bleiben.

Die Angebotslandkarte ist eine digitale Übersicht mit Angeboten gegen Einsamkeit. Sie hilft dabei, Orte in der Nähe zu finden, an denen Menschen Austausch, Unterstützung und Gemeinschaft erleben können.
Über die Postleitzahlensuche lassen sich regionale Angebote entdecken, zum Beispiel Treffen mit anderen Menschen, Beratungen oder Gruppen für gemeinsame Aktivitäten. Niedrigschwellig, wohnortnah und offen für alle, die sich mehr Verbindung wünschen.

#IchBinArmutsbetroffen
Digitale Selbstvertretungsinitiative für Menschen mit Armutserfahrungen.

>> Wenn du weitere hilfreiche Anlaufstellen kennst, freuen wir uns über Hinweise an kontakt@fondament.de, um diese mit anderen zu teilen.

Das oben gezeigte Bild und die hierauf abgebildete Arbeit von dem britischen Künstler John Isaacs und der begleitende Text sind unabhängig voneinander entstanden. Die Arbeit wurde nicht zur Illustration des Beitrags geschaffen, sondern als eigenständiges Kunstwerk. Gerade in dieser Offenheit liegt die Stärke von Kunst: Sie kann neue Blickwinkel eröffnen und eigene Bedeutungen entfalten. Der menschliche Körper spielt eine wichtige Rolle im Werk des Künstlers. Die Stellung der Füße kann als eine typische Reaktion auf eine peinliche Situation interpretiert werden: Ein Fuß ist über den anderen gelegt, als würde er die Scham selbst bedecken.

Es lohnt sich, auch hinter die Kulisse zu schauen — mehr über den Künstler unter: http://www.johnisaacs.net/